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Dopingspiele: Am Tag X blitzsauber

Mit bisher 18 Dopingfällen schreiben die 28. Olympischen Spiele der Neuzeit wohl traurige Sportgeschichte. Gegen die Findigkeit von Athleten und Trainern scheinen die IOC-Kontrolleure mit ihren 3.000 Urin- und Bluttests machtlos

© Copyright Bärenstark: Die wenigsten gehen ins Netz

Fast hätte man den Überblick verloren, angesichts der Masse an bekannt gewordenen olympischen Dopingfällen seit dem 13. August. Das Magazin "Spiegel" bringt ein wenig Ordnung in das Durcheinander aus verbotenen Substanzen, verdächtigen Namen und weitergereichten Medaillen. Der "Hormonspiegel" des Blattes lässt die Rangliste der Dopingsünder schon 14 Tage vor dem ersten Wettkampf in Athen beginnen. Das macht Sinn, weil es erklärt, warum die eine oder andere große Medaillenhoffnung erst gar nicht in den Startlisten von Athen auftaucht - gerade noch rechtzeitig gesperrt und ausgeschlossen vom fairen, sportlichen Kräftemessen. Wer sich ein wenig in der Dopinghistorie auskennt, weiß: Die meisten Betrüger werden negativ getestet, denn am Tage X sind sie sauber - und dennoch bärenstark.

Abenteuerliche Ausflüchte

Beliebt bei den Sportlern sind vor allem zwei Substanzen: das Hormon Erythropoetin, kurz EPO, und das Wachtumshormon HGH. Beide sind immer noch schwer nachweisbar, denn ihre Verweildauer in der Blutbahn und im Urin ist kurz. EPO, das auch natürlich im Körper vorkommt, vermehrt die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Sauerstofftransportfähigkeit des Blutes. Es ist so wirksam, dass EPO-gedopte Ausdauersportler über Leistungssteigerungen von mehr als zehn Prozent berichten. HGH hat eine muskelaufbauende Wirkung, wenngleich keine so ausgeprägte wie die so genannten steroiden Anabolika. Beide Substanzen werden im Körper schnell abgebaut, ihre Stoffwechselprodukte in wenigen Tagen von Nieren und Darm eliminiert. Die leistungssteigernde Wirkung ist aber noch lange danach messbar. Nur selten verschätzen sich gewiefte Trainer und "hilfsbereite" Ärzte im Timing der künstlichen Zufuhr so gründlich, dass die Sportler bei den Kontrollen im Ziel auffallen.

Trotzdem mag unter den Athleten Panik ausgebrochen sein, als das IOC kurz vor den Spielen ankündigte, nun auch auf das bisher als schwer nachweisbar geltende HGH zu testen. Ein neues Testverfahren kam ins Spiel, von dem keiner genau wusste, wie sensibel es ist und wie weit es denn wohl zurückschauen könne in die letzten, intensiven Wochen der Wettkampfvorbereitung - da müssen wohl dem einen oder anderen Sportskameraden die Nerven durchgegangen sein. Wie sonst ist zu erklären, dass es neben zahlreichen positiven Tests gleich ein halbes Dutzend abenteuerlicherster Ausreden gab, bisweilen von großem Unterhaltungswert: Aus religiösen Gründen verklemmte Schließmuskeln (Diskuswerfer Robert Fazekas), wegen Motorradtrainings verschwitzte Termine (die Sprinter Kenteris und Thanou) oder schlicht verweigerte Proben (Gewichtheber Zoltan Kovacs). Gastgeber Griechenland und das in Sportlerkreisen schon lange suspekte Ungarn führen die Liste der Flüchtigen an.

Test nur eine "PR-Aktion"

Dabei ist gar nicht sicher, ob das IOC tatsächlich schon effektiv auf HGH testen kann. Experten mutmaßen, bei dem vom IOC verwendeten Test handele es sich um eine PR-Aktion. Er reiche nur 36 Stunden zurück und damit seien die Sportler nicht zu fassen, kritisiert der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke: "Es wird nichts nachweisbar sein." Dagegen wäre ein anderes Testverfahren durchaus in der Lage gewesen, HGH-Missbrauch auch nach längerer Zeit aufzudecken. Der "Sönksen-Test" kann im Blut so genannte Wachstumshormon-Marker ermitteln, Stoffe, die der Körper bei der künstlichen Zufuhr des Hormons bildet. Doch die Finanzierung des Sönsken-Tests hatte das IOC vor vier Jahren ohne Angabe von Gründen gestoppt.

Tatsächlich wurde keinem Sportler in Athen ein Doping mit Wachstumshormonen nachgewiesen. In der Szene allerdings bestünden kaum Zweifel, dass Missbrauch betrieben werde, sagt der Chefmediziner des deutschen Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Wilfried Kindermann. Schwimmer und Läufer, die sich das ganze Jahr über nirgends blicken lassen, zeigen bei den Olympischen Spielen plötzlich Leistungssprünge um mehrere Sekunden auf den Sprint- und Mittelstrecken, Weitspringer fliegen bald einen halben Meter über ihre alten Bestmarken hinaus, Diskuswerfer steigern ihre Wurfleistungen um mehr als fünf Prozent.

Kiefer wie Baggerschaufeln

Deutsche Sportler fielen in Athen durch negative Tests, aber auch durch unerwartet wenige Medaillen auf und schwankten bisweilen zwischen Wut und Resignation. Ganz dicht dran am Geschehen sahen sie aber Dinge, die den Fans und Journalisten verborgen blieben: "Man muss sich doch nur mal umschauen", sagt eine Weitspringerin, die zum ersten Mal bei Olympischen Spielen dabei ist. "Es gibt Merkmale, die kann man einfach nicht übersehen", stellt sie fest und meint Kiefer, die so ausladend wachsen, dass erwachsene Sportlerinnen wieder Zahnspangen tragen; Füße und Hände, deren Größe die normale Relation sprengen; Schultern, muskelbepackt wie die von Bauarbeitern. Das wären in der Tat körperliche Erscheinungen, die zur These Kindermanns prächtig passen würden. HGH, hoch dosiert, lässt bei ausgewachsenen Menschen nicht nur die Muskeln schwellen, sondern auch die Knochen des Gesichtsschädels und die der Hände und Füße wachsen. Das weiß man von Krankheitsbildern, bei denen die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zu viel des Wachstumshormons produziert. Beweisen lässt sich der Missbrauch allerdings so nicht.

Es bleibt also nur die Hoffnung, dass den eifrigen Kontrolleuren doch noch der eine oder andere Fisch ins Netz geht, in den Tagen und Wochen nach den Spielen von Athen, wenn die letzten Proben in akkreditierten Labors analysiert werden. Oder wenn die vorsorglich tiefgekühlten Reste der 3.000 Urin- und Blutproben mit neuen Nachweismethoden analysiert werden können. Die Olympischen Spiele sollten, so die Ankündigung des IOC-Präsidenten Jacques Rogge, die bisher größte Offensive werden im Kampf gegen das Doping. Es sieht aus, als sei das Vorhaben gescheitert.

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